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Rückblick Jahrestagung Fachverband Kulturmanagement 2020 KULTUR ALS ERLEBNIS, DIGITAL UND ANALOG

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Im Zuge der Digitalisierung gibt es immer mehr Möglichkeiten, Kultur erlebbar zu machen und zu erarbeiten. Zugleich gibt es mit digital detox inzwischen auch eine Gegenbewegung für bewusst analoge Phasen des Lebens, zu denen für viele gerade auch kulturelle Erlebnisse gehören. Die damit einhergehenden Widersprüche waren Thema der Jahrestagung des Fachverband Kulturmanagement vom 23. bis 25. Januar 2020 an der Kunstakademie Düsseldorf.Unter dem schwierigen Titel „Kulturmanagement zwischen Materialität und Digitalisierung. Sinnlich-Materielles, Big Data und Multiple Entanglements als Herausforderung für das Kulturmanagement“ debattierte sie ein ebenso schwieriges und breites Spektrum, um Strategien für das 3. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Digitale Erwartungen Angesichts der Überfülle an digitalen Informationen fühlen sich viele Menschen überfordert. Dennoch ist das Internet die Anlaufstelle Nummer 1, um sich über Kultur zu informieren und damit zu beschäftigen. Der Großteil der Kulturbesucher*innen erwartet also digitale Angebote. Der digitale Zugang zu Kulturobjekten und Aufführungen, die man nicht vor Ort genießen kann, wird immer häufiger als gleichwertig zum Erlebnis vor Ort aufgefasst. Entsprechend diskutieren immer mehr Konferenzen digitale Formate und Beispiele, jedoch meist, ohne auf die damit verbundenen managerialen Herausforderungen einzugehen. Umso erfrischender war es, dass solche Beispiele nur einen geringen Teil der Jahrestagung des Fachverbands ausmachten, während der Großteil die digitalen Veränderungen des Kulturmanagements thematisierte. So beschäftigten sich nur vier Vorträge mit entsprechenden Formaten und diskutierten diese eher auf einer grundsätzlichen und kritischen Ebene.  Der erste dieser Vorträge präsentierte dazu eine an der HTW Saar angesiedelte Studie zu Youtube-Kanälen bildender Künstler*innen. Hellen Gross und Christian Jene zeigten die Erfolgsfaktoren der erfolgreichsten dieser Künstler*innen mit über 100.000 Follower*innen auf: Authentizität, guter Content, Interaktion mit den Zuschauer*innen, Regelmäßigkeit, Social Media-Verbreitung und eine ansprechende Ästhetik. Dabei dienen die Videos in erster Linie der Kunstvermittlung. So geht es etwa um Hintergrundinformationen über Bilder, Kunstschaffen und den Kunstbetrieb, um handwerkliche Tipps usw. Diese Faktoren gelten auch für Kultureinrichtungen, die online – und gerade auf Youtube – ihrem Vermittlungsauftrag nachkommen wollen.  

Im zweiten Vortrag ging Annette Loeseke von der New York University Berlin der Frage nach, wie bestehende Stereotype in digitalen Kulturanwendungen fortgeschrieben werden. Am Beispiel des Berliner Pergamonpanoramas des Künstlers und Architekten Yadegar Asisi zeigte sie, wie wichtig Vermittlungsansätze gerade bei Blicken in scheinbare Lebenswirklichkeiten sind. Das Panorama zeigt eine digitale, bildliche Rekonstruktion der türkischen Stadt Pergamon in römischer Zeit. Diese ist zwar zusammen mit den Staatlichen Museen zu Berlin entstanden, stellt aber dennoch veraltete Stereotype verschiedener antiker Kulturen oder Geschlechterrollen dar, die sich teilweise bis heute halten und Vorurteile prägen. In einer Untersuchung gemeinsam mit einer Gruppe Studierender zeigte Loeseke, dass in diesem Fall die künstlerische Intention vor allem auf Überwältigung abzielt, ohne die dargestellten Bilder, die Ikonisierung des Pergamonaltars, dessen neuzeitliche Geschichte und Rezeption kritisch einzuordnen. Unterdessen musste leider unklar bleiben, wieso diese Art der Darstellung trotz der Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen umgesetzt wurde und wie der Prozess zur Erstellung ablief. Dennoch machte Loeseke deutlich, dass es bei digitalen Formaten nicht allein um Emotionalisierung gehen dürfe. Das Pergamonpanorama wurde zwar digital erstellt und umgesetzt, ist für die Besucher*innen aber dennoch ein analoges, weil vor Ort ohne Endgeräte nutzbares Erlebnis. Damit schlägt es eine Brücke zwischen digitalen Anforderungen und dem Wunsch nach einer analogen Erfahrungswelt. Wie sich solche Erfahrungen auf die Besucher*innen auswirken und von Kulturmanager*innen gestaltet werden können, untersucht das Projekt „Experimental Concert Experience“ von Martin Tröndle. Hierbei werden digitale Techniken wie Sensoren genutzt, um herauszufinden, welche Konzertsettings die körperlichen und geistigen Reaktionen der Besucher*innen wie beeinflussen. Auch Sibylle Moser beschäftigt sich mit der Frage, wie das analoge Kulturerlebnis mittels digitaler Tools untersucht werden kann. Dafür entführte sie die Tagungsteilnehmer*innen in die Welt der Gärten und zeigte auf, wie das Erlebnis Garten erforscht und verbessert werden kann. Digitalität und ökologische Nachhaltigkeit Das Dilemma aus Digitalisierung und Materialität beeinflusst auch die Kulturarbeit und ihren ökologischen Fußabdruck. Durch immer mehr internationale Kooperationen und Konferenzen wird diese zunehmend globaler und reiseintensiver. Zugleich ist sie durch digitale Tools aber eigentlich weniger an einen festen Arbeitsort und an Termine geknüpft, bei denen alle Teilnehmer*innen an einem Ort zusammenkommen müssen. Doch auch digitale Tools verbrauchen sehr viel Energie. Ein Teufelskreis? Nein.  Hierbei zeigte besonders der Vortrag von Annett Baumast von der Hochschule für Musik und Theater Hamburg auf, dass trotz allen Verständnisses für persönliche Gespräche und analoge Erlebnisse Kulturarbeit digitaler werden muss, um wirklich nachhaltig zu sein. Selbst Reisen mit dem Zug verbrauchen deutlich mehr CO2 als eine zweitägige Skypekonferenz oder ein digitaler Kulturbesuch. Kultureinrichtungen müssten sich hier nicht nur stärker pro Klimaschutz positionieren, sondern auch ihre eigenen Strukturen dahingehend umbauen. Neue Arbeitswelten im Kulturmanagement Doch was bedeutet es genau, verstärkt digital zu arbeiten? Die weiteren Vorträge der Jahrestagung des Fachverband Kulturmanagement zeigten, dass es hierfür grundlegende Kompetenzen braucht, die in vielen Einrichtungen noch fehlen. So thematisierte beispielsweise Karin van Es von der Utrecht University die Bedeutung des grundlegenden Verständnisses für die Plattformen und Werkzeuge, mit denen Big Data gesammelt und ausgewertet werden, um diese einordnen zu können. Denn Daten sind längst nicht so vorurteilsfrei, wie man denken mag, und zeigen auch kein Abbild der Wirklichkeit, sondern vor allem eines der Realität der Programmierer.  Dennoch ist es wichtig, anhand von Daten mehr über Besucher*innen zu erfahren. Karol Piekarski vom Medialab Katowice in Polen unterrichtet nicht nur Data Literacy, sondern nutzt Daten als Grundlage für Kultur- und Stadtentwicklungsprojekte. So hat er die Anreisezeiten von Besucher*innen zu den Kultureinrichtungen von Kattowice mit den Vorstellungszeiten verglichen. Dabei hat er festgestellt, dass gerade Menschen aus sozial schwierigeren Wohngebieten nach dem Besuch mitunter nicht mehr nach Hause kamen, wodurch sie gänzlich abgeschreckt wurden oder das Auto nutzten. Aus diesen Informationen konnte die Stadt neue Fahrpläne und eine größere Streuung von Veranstaltungen entwickeln und die Einrichtungen bessere Vorstellungszeiten. Auch für seine eigenen Workshops hat Piekarski einen Algorithmus entwickelt, um herauszufinden, warum Menschen diese trotz Anmeldung nicht besuchen. Das Ergebnis brachte eine denkbar simple Lösung: Teilnehmer*innen anzurufen, ist ein guter Weg, um der Anonymität einer digitalen und kostenfreien Anmeldung entgegenzuwirken, und senkte die no-show-Rate rapide.  Dass Big Data auch helfen kann, Crowdfunding als Finanzierungsmöglichkeit für Kulturbetriebe besser nutzbar zu machen, zeigte Maren Rottler von der Universität Mannheim. Sie wertet für ihre Crowdfunding-Forschung zahlreiche Projekte aus, um Erfolgsfaktoren herauszukristallisieren. Crowdfunding wird in der Kultur oft unterschätzt, weil Erfolg sich bisher eher selten eingestellt hat. Einer der Gründe hierfür, so zeigte Rottler, ist, dass es oft falsch angegangen wird. Im Kern ginge es um Community, Aufmerksamkeit und die Selbstwirksamkeit der Unterstützer*innen. Inhaltliche und formale Erfolgsfaktoren spielen dabei zusammen. Übertragen bedeutet das, dass beispielsweise der Eigenwert eines Kunstwerks noch kein überzeugendes Finanzierungsargument ist, sondern dass es ebenso sehr um dessen sozialen und gesellschaftlichen Wert und um die Verbindung zu den Unterstützer*innen geht. Diese Beispiele machten deutlich, wie hilfreich Daten für evidenzbasierte Kulturpolitik und Kulturmanagement sein können, wenn es in den Einrichtungen und Verwaltungen Menschen gibt, die sich damit auskennen. Auch die Politikwissenschaftlerin Geraldine de Bastion zeigte auf, wie schwierig Zukunftsvorhersagen trotz Big Data noch immer sind. Zugleich machte sie aber deutlich, dass Kreativität hierbei eine bedeutende Rolle spiele und wie Kulturmanager*innen entsprechende Ansätze nutzen können, um die Zukunft ihrer Institution, aber auch der Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Ausbildung Wie bei jeder Tagung des Fachverbands Kulturmanagement stellte sich auch in diesem Jahr die Frage, wie sich diese Erkenntnisse auf die Ausbildung von Kulturmanager*innen übertragen lassen. Aktuell spielen Aspekte wie Programmierung, Big Data, Besucher*innenforschung oder auch digitale Lernformen hier nur bedingt eine Rolle. Letztere thematisierten auch Marguerite Rumpf vom Goethe-Institut und Christian Holst von der Universität Lüneburg und stellten den gemeinsamen internationalen Kulturmanagement-Online-Studiengang der beiden Institutionen vor. Insbesondere zeigten sie auf, wie dieser Videobeispiele von Kultureinrichtungen mit konkreten Reflexionsformaten für die Teilnehmer*innen verbindet. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Internationalität: Beispiele und Teilnehmer*innen kommen aus der ganzen Welt. Entsprechend werden die Studierenden darin geschult, passende Ideen und Ansätze für ihren jeweiligen Background zu entwickeln. Die Inhalte müssen also übertragbar sein auf verschiedene Kontexte. Ein Ansatz, der nicht nur für die akademische Ausbildung, sondern auch für die Kulturvermittlung zunehmend eine Rolle spielt. Leider kamen aber auch in diesem Jahr keine Studierenden im Rahmen der Tagung zu Wort. Zwar gibt es mit dem Doktorand*innenforum inzwischen eine feste Instanz für den wissenschaftlichen Nachwuchs, allerdings getrennt vom Kernprogramm. Zudem fand in diesem Jahr internationale Konferenz für Kulturmanagement-Studierende in den Niederlanden und damit separat von, aber parallel zur Fachverbandstagung statt. Ein großer Verlust, denn die Konferenz widmet sich nicht nur internationaleren Themen, sondern die Verbindung beider sorgte bisher auch immer für eine gute Durchmischung. Formate Dem Facettenreichtum des Tagungsthemas entsprechend, bot das Programm der Jahrestagung verschiedene Formate. Neben Führungen und Workshops stach vor allem ein Format besonders heraus: das Lion’s Den. Dabei stellten Kulturmanagement-Forscher*innen ihre Arbeit erfahrenen Praktiker*innen (den „Löw*innen“) vor. Diese bewerteten den Mehrwert der Forschung für ihre Arbeit. Hierbei ging es beispielsweise um kultursoziologische Stadtforschung, um Forschung zu Cultural Entrepreneurship und zu Teambuilding und Zusammenarbeit. Da die aktuellen Tätigkeiten der Löw*innen – im Chormarketing, im Kuratieren und in der städtischen Kulturverwaltung – mit den Themen der Forscher nur bedingt übereinstimmten, waren die Reaktionen zwar positiv, über die Anwendbarkeit ließ sich aber nur bedingt etwas sagen. Doch da das Format das erste Mal ausprobiert wurde, war es durchaus in Ordnung, dass es entsprechend noch etwas holprig verlief. Dennoch ist der Ansatz lobenswert, Forschung und Praxis zu verbinden, und könnte öfter in wissenschaftliche Kulturmanagement-Tagungen integriert werden.  Insgesamt umfasste die 13. Jahrestagung des Fachverband Kulturmanagement durchaus eine enge Verknüpfung beider Ansätze und eine erfreuliche Interdisziplinarität. Gerade anhand des komplexen Themas der Verbindung von Digitalisierung und Materialität machte sie deutlich, wie wichtig es für die Praxis ist, sich angesichts anstehender Veränderungen nicht nur auf Meinungen und Erfahrungen, sondern auch auf (datenbasierte) Forschung zu stützen.