Wie arbeiten Künstler im 21. Jahrhundert?
Friday, August 20th, 2010Das Projekt untersucht, wie in heutigen Gesellschaften die Figur des Künstlers konstitutiert wird. Betrachtet man gegenwärtig kursierende Entwürfe und Bilder der gesellschaftlichen Rolle, des sozialen Status und des Selbstverständnisses von Künstlern, so zeichnet sich ein eigentümliches Spannungsfeld zwischen Überbewertung und Marginalisierung ab. Merkwürdig ist dabei zunächst, dass zwar einerseits der Mythos vom durch Genialität und besondere Eigenschaften sich auszeichnenden Künstler längst entzaubert wurde und Künstler seither nicht mehr als exemplarische “Statthalter moderner Subjektivität” (Josef Früchtl) gelten, andererseits aber „der Künstler“ durch die ihm zugeschriebene Freiheit und Kreativität immer noch als prototypisch für die viel beschworene „creative class“ (Richard Florida) gehandelt wird. Mehr noch: Es sind vor allem künstlerische Strategien, denen bei der Entwicklung innovativer Arbeitsformen und neuer Ökonomien eine besondere Transformations- und Innovationskompetenz zugetraut wird (vgl. Currid 2007). Dabei fand insbesondere in den 1990er Jahren eine Dekonstruktion der Avantgarde- und Vorreiterposition von Künstlern statt – nicht zuletzt, um künstlerische Praxis näher ans alltägliche Leben zu rücken; so waren es vor allem die Künstler selbst, die darauf bestanden, künstlerisches Schaffen als eine Produktionsform unter anderen zu etablieren und den emphatischen Werk- und Schöpferbegriff beiseite zu räumen. Vor diesem Hintergrund bedeutet die im Rahmen dieses Forschungsprojekt heute neu zu stellende Frage, worin das Besondere und Eigene künstlerischer Arbeit besteht, zugleich auch vorherrschende Kunstbegriffe einer Überprüfung zu unterziehen. Der spezifischen Eigenlogik des künstlerischen Arbeitens nachzuspüren impliziert dabei eine Auseinandersetzung nicht nur mit produktionsästhetischen Fragestellungen (Weltzien 2003), sondern auch mit dem Umfeld des Betriebssystems Kunst, das bestimmte künstlerische (Werk-) Strategien nahe legt, hervorbringt, ermöglicht bzw. verhindert. Allererst in diesem Feld bildet sich eine Identität des Künstlers aus. Identität ist, so verstanden, nicht naturgegeben, sondern auch eine Frage des Identitätsmanagements (im Sinne Goffmans) und der Kräfteverhältnisse in einem Bezugsfeld. Damit stellen sich auch machttheoretische Fragen bezüglich der Definitionsgewalt des Kunstfeldes (Bourdieu/Haacke), wie auch Fragen zu den Voraussetzungen gelingender (Selbst-)Zuschreibungen und zu den Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer Netzwerke und Diskurse. Insofern kommt in dem Forschungsvorhaben das Problem der gesellschaftlichen Funktion und des Status von Künstlern und ihrem Tun in den Blick. Damit ist zugleich eine prominente kuratorische bzw. kulturmanageriale Frage angesprochen, sind es doch nicht zuletzt die Kulturmanager, die u.a. potentiell die künstlerischen Arbeitsbedingungen und einen Rahmen erzeugen. â– Insgesamt geht es dem Projekt um eine an den konkreten (Entstehungs-)Praktiken, den Institutionalisierungsformen und dem formulierten Selbstverständnis von Künstlern orientierte Perspektivierung. Dies kritisch zu beleuchten dürfte wegen der gerade heute stattfindenden Umbrüche besonders lohnenswert sein; hierauf verweist etwa der aktuelle Umbau vieler Kunstakademien und Ausbildungsinstitutionen (Umbenennung von Akademien in Universitäten, usw.). Das Forschungsdesign des Projekts beruft sich auf qualitativ hermeneutische und diskurs- und kontextanalytische Vorgehensweisen. Es werden drei Ansätze verfolgt:
1) In qualitativen, problemorientierten Interviews, die an das Bourdieusche Modell der Sozioanalyse angelehnt sind, werden circa 40 Experten des Kunstbetriebs aus den vier Focusgruppen Künstler, Kurator, Kritiker, Händler befragt. Ziel ist es Antworten auf einen Rahmen von Fragen zu erhalten, um zu erfahren, – wie man aus der jeweiligen Sicht des Befragen Künstler wird und bleibt – welche Institutionen man hieran beteiligt glaubt – welchen beruflichen und institutionellen Strukturen und Absicherungen (z. B. Künstlersozialkassse) man eine wichtige Rolle zuschreibt und welche Reichweite man ihnen zutraut – welche Rolle man dem Markt und Verdienstmöglichkeiten – der Kritik und – den Kollegen beimisst.
2) Eine zweite Untersuchungsstrategie besteht in der Auswertung kunsttheoretischer und kunstkritischer Texte und Diskurse zum künstlerischen Selbstverständnis. Dabei sollen unterschiedliche Regime von Selbstbeschreibungen und Fremdbeschreibungen herausgearbeitet werden. Der Schwerpunkt liegt in einer Analyse des Diskurses seit den 90er Jahren. Dabei kommt den Diskursen im Kunstfeld und innerhalb der Kunstkritik eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Eine der entstehenden Frage ist bspw., wie sich die Begriffsverschiebung erklärt, die sich in den Termini feststellen lässt, mit denen künstlerische Produkte beschrieben werden (künstlerische/s Werk/Arbeit/Prozesse/Praxis usw.). Eine andere zentrale Debatte ist die um Autorenschaft.
3) In Anlehnung an den Foucaultschen Begriff der Subjektivierungspraktiken soll darüber hinaus eruiert werden, welche Praktiken welche Wahrheitssysteme und Selbstverständnisse erzeugen. Insofern wird das, was heute als das genuin Künstlerische beschrieben wird, aus Materialien, Umgebungen und Produkten im Kontext ihrer Entstehungsbedingungen abgeleitet. Dieser Teil soll in Kooperation mit künstlerischen Forschungen an Kunstakademien stattfinden und auf teilnehmender Beobachtung basieren.